Die "Golden Girls" vom Finanzausschuss - Nicolette schmiert Stullen
für die fröhliche WG-Runde der Finanzexpertinnen in Berlin
- Von ddp-Korrespondentin Christina Denz -
Berlin (ddp). Nicolette liebt's rosa, Lydia barock, Barbara hält's
mit klaren Wohnformen. Alle drei SPD-Parlamentarierinnen verbindet
ihr Hang zur Finanzpolitik - und die große Altbauwohnung, die sie
gemeinsam im Berliner Bezirk Tiergarten bewohnen. Die "Golden Girls"
vom Bundestags-Finanzausschuss pflegen seit dem Umzug der Regierung
vom Rhein an die Spree eine fröhliche WG-Kultur. Steuermodelle,
Haushaltsentwürfe und Etatkürzungen verfolgen die drei bis an den
Küchentisch.
Seit sie in der WG leben, freuen sich Nicolette Kressl (43), Lydia
Westrich (52) und Barbara Hendricks (49), Parlamentarische
Staatssekretärin bei Finanzminister Hans Eichel (SPD), auf den
Feierabend. Auch wenn der nur kurz ist und meist spät beginnt, nehmen
sie sich Zeit für den gemeinsamen Tagesausklang daheim. Für die drei
SPD-Frauen sind die Bundsfinanzen spannende Entspannung. "Die Politik
ist ein einsamer Job", sagt Lydia. Deshalb sei sie froh, harte
Debatten, Erfolge und auch Niederlagen am Abend mit ihren Kolleginnen
zu teilen.
Bis nachts sitzen sie dann bei Wein und vollen Aschenbechern um
den Holztisch in der Küche, tauschen Argumente aus, prüfen eigene
Strategien. Als Hendricks mit den Finanzministern der Bundesländer
bis um 3.00 Uhr früh über den Finanzausgleich verhandelte und danach
geschafft nach Hause kam, warteten ihre zwei Mitbewohnerinnen schon
gespannt auf ihren Bericht. Manchmal krabbelt Nicolette, die gerne
früh schlafen geht, noch einmal aus dem Bett, um mit ihren
Freundinnen die Ereignisse des Tages zu besprechen.
Streit gab es in der WG noch nicht, sagt Hendricks, kein lautes
Wort, keine Kabbelei über die erste im Bad. Da kommt den
SPD-Kommunardinnen auch ihr unterschiedlicher Tagesrhythmus zu Gute.
Oft steht Barbara zuerst auf. Als Parlamentarische Staatssekretärin
hat sie den stressigsten Job. Lydia, die gerne als letzte ins Bett
geht, lässt Frühaufsteherin Nicolette den Vortritt.
Ihren Haushalt führen die drei pragmatisch. Über Haushaltskasse und
Einkauf regiert Nicolette. Sie sorgt für gesundes Brot, kauft Milch
ein, Obst und Gemüse. Seit kurzem schmiert sie Brote: eine Stulle
täglich für Lydia, eine für Barbara und eine für Kollegin Nina Hauer.
Nicolette bringt der schwangeren 33-Jährigen täglich eine Ration
Gesundes ins Büro, "weil die Sandwiches im Bundestags-Café so labbrig
sind", sagt Nicolette.
Gekocht wird so gut wie nie in der großen Altbauwohnung, "dazu
fehlt uns die Zeit", sagt Lydia. Dafür stehen im Flur einige Kisten
Wein parat, "der einzige Grund, warum wir manchmal ins Wetteifern
geraten". Denn Lydia, die Pfälzerin, schwärmt ebenso wie Nicolette,
die Baden-Württembergerin, für den Wein aus der Heimat. Nach ein paar
Gläschen kommen vermischte Themen auf den Tisch, Männer etwa. Die
Wahl zum "Mr. Bundestag", bei dem "keine inneren Qualitäten" zählen,
löst bei den Dreien Euphorie aus. Ihre "Adams-Nische", eine mit Stuck
verzierte Flurecke, meiden männliche Kollegen allerdings. Keiner der
SPD-Fraktionsherren habe sich in Toga aufs Podest getraut. Lediglich
einer habe geholfen, Getränke-Kästen in die Wohnung zu tragen.
"Geblieben ist er aber nicht", lachen die drei.
Nicht ganz ohne Angst vor der neuen Wohnsituation sind sie
zusammen gezogen. Lydia erinnert sich, dass sie befürchtete, das
Experiment könnte schief gehen. Dann hätte sie neben zwei guten
Kolleginnen auch zwei Freundinnen verloren. Aber die
Hauptstreitpunkte gängiger Studenten-WGs wie Putzen, Kochen und
Spülen, werden per Spülmaschine und Reinigungsservice aus dem Weg
geräumt, natürlich "voll versteuert, voll versichert". Mittlerweile
stehen die Türen der Zimmer stets offen, geben den Blick frei auf
Nicolettes Sammelleidenschaft "Schafe", auf Barbaras
"niederrheinische Ecke" mit Fotos aus der Heimat Kleve über der
blauen Sitzgruppe und auf Lydias wunderbares Boudoir-Bett, das ihr
Mann für sie in Frankreich auftrieb.
Von der Stadt sind alle drei Frauen begeistert. Lydia, die Stille,
die gerne ausgeht und auch schon in Berlins Techno-Schuppen "Tresor"
war, hat das Gefühl, "in Berlin ist alles möglich". Auch wenn die
Frauen kaum Zeit finden, das kulturelle Angebot wahrzunehmen: "Allein
das Gefühl, man könnte, wenn man könnte, ist schön", sagt Barbara.
chd/kos
101020 Aug 01






