Lydia Westrich
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Lydia Westrich
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Demografischer Wandel

Kinder kriegen die Leute immer, konnte Adenauer in den 50er Jahren noch mit Recht behaupten. Das gilt längst nicht mehr. Noch nie war die Geburtenrate in Deutschland so niedrig wie seit Ende des letzten Jahrhunderts. 1,4 Kinder bekommt eine Frau heute im Schnitt in Deutschland. Um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, ist aber eine Geburtenrate von mindestens 2,1 Kindern pro Frau nötig. Der Trend zu immer weniger Kindern wird sich aber aller Voraussicht nach fortsetzen.


Kinder, die früher selbstverständlich zur Lebensplanung dazugehörten, werden zu einer Art Luxusgut, dessen Anschaffung genau abgewogen werden will. Lohnt es sich, den mit Kindern einher gehenden materiellen Verzicht auf sich zu nehmen? Viele Frauen sehen - zu Recht - ihre Berufsausübung durch Kinder gefährdet. Die Kinderbetreuungssituation in Deutschland ist im Vergleich zu Frankreich und den skandinavischen Ländern sehr schlecht. Dort ist sowohl die Frauenerwerbstätigkeit als auch die Kinderzahl deutlich höher als bei uns. Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, Kinderwunsch und Erwerbstätigkeit besser vereinbar zu gestalten mit dem Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen und der Ganztagsschulen - als reelle Chance für Familien.

Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung der Deutschen konstant an. Sie liegt zurzeit bei 75 Jahren für Männer und 81 Jahren für Frauen. Diese Entwicklung ist, dank den Fortschritten der modernen Medizin, noch nicht abgeschlossen. Das heißt, wir sind auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der es immer mehr alte und immer weniger junge Menschen geben wird. Immer weniger junge Menschen bedeutet zum einen, dass weniger junge Menschen selbst weniger Kinder bekommen, so dass diese Entwicklung sich nicht selbst korrigieren kann. Zum andern bedeutet es, dass immer weniger junge Menschen für immer mehr alte Menschen in die sozialen Sicherungssysteme zahlen. Renten- und Krankenversicherungsbeträge werden vom Erwerbslohn gezahlt. Wenn es immer weniger Erwerbstätige gibt, die zugleich für immer mehr nicht mehr Erwerbstätige aufkommen müssen, muss die Belastung der Erwerbstätigen logischerweise überproportional ansteigen. Mit der Riester-Rente wurde ein erster Schritt zur zusätzlichen privaten Altersvorsorge getan, aber das reicht nicht aus.

Es leuchtet ein, dass das Umlagesystem für Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, das wir heute haben, angesichts dieser Entwicklung in seiner jetzigen Form nicht erhalten bleiben kann. Wenn es so weiterginge, würden die Beiträge explodieren und vom Lohn bliebe weit weniger als die Hälfte übrig. Wie die Sicherung des Solidarsystems angesichts dieser Herausforderung gestaltet werden kann, ist eine der ganz großen und dringlichen Aufgaben der Politik. Wie schwierig das zu bewerkstelligen ist, sieht man täglich in der Zeitung und im Fernsehen. Jede Reform, die - angesichts der Realitäten - mit Kürzungen einhergehen muss, wird abgelehnt, keiner will verzichten: auf Geld, auf Leistungen des Staates, auf Ansprüche an den Staat auf frühe und sichere Rente, sichere Löhne, umfassende Krankenvorsorge, hohes Arbeitslosengeld, niedrige Steuern. Wie kann ein Staat mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung und steigender Rentnerzahl das alles in Zukunft gewährleisten?

Die Planungen und Verhandlungen zur Gesundheitsreform stoßen auf viel Kritik. Trotzdem sind sie nur ein Schritt auf dem Weg die Krankenversicherungsbeiträge stabil zu halten. Auch im Alltag werden wir die Folgen des demografischen Wandels hautnah spüren, zum Teil spüren wir sie ja schon: Schulen werden mangels Schülern geschlossen, Buslinien eingestellt wegen fehlender Fahrgäste, Gemeinden schrumpfen, weil die Jungen wegziehen, um in den Städten Arbeit zu finden. Im Osten Deutschlands, in Mecklenburg und Brandenburg ist diese Entwicklung schon weiter fortgeschritten als bei uns in der Pfalz, aber auch wir werden dieser Entwicklung nicht entgehen. Wie werden wir leben in Gemeinden, deren Bevölkerungszahl sich halbiert hat, wie werden sich die Kosten für kommunale Leistungen entwickeln, wie der Nahverkehr, der Leerstand in den Dörfern, wie wird die Versorgung mit Ärzten gewährleistet sein? Wer wird sich um die immer zahlreicher werdenden Hochbetagten kümmern?

Diese Fragen stellt auch die EU in ihrem aktuellen Grünbuch " Im Angesicht des demographischen Wandels - eine neue Solidarität zwischen den Generationen". Die Kommission setzt einen wichtigen Akzent auf die grenzüberschreitende Bewältigung der Herausforderungen und die Nutzung der Chancen durch die Veränderungen der Altersstruktur.

Weitere Links zum Thema finden sich unter http://www.erfahrung-ist-zukunft.de, http://www.zukunftsradar2030.de, Statistisches Bundesamt: www.destatis.de





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