Wenn in deutschen Schulen die Schülerinnen und Schüler eine Konzertprobe besuchen, ins Theater gehen oder in eine Ausstellung, dann ist das allein der Initiative der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken. Kulturelle Erziehung außerhalb des Musik- und Kunstunterrichts steht in keinem Lehrplan. Solche Ausflüge, wenn sie geschehen, sind etwas Besonderes außerhalb des normalen Schulalltags und ihre Realisierung steht und fällt mit interessierten und motivierten Lehrkräften.
Dass es auch anders geht, zeigt ein Blick in den Norden:
Jedes Kindergarten- und jedes Grundschulkind hat das Recht darauf, 5 mal 2 Stunden bei und mit einem Künstler in einem professionell ausgestatten Atelier zu arbeiten. Es lernt auf diese Weise Theater, Musik, Tanz, Foto- und Videokunst und Grafik kennen.
Eine Utopie? In Finnland gehört dieser direkte Kontakt zu Kunst und Kultur zur so genannten künstlerischen Grunderziehung. Die kulturelle Erziehung wird als Teil des frühen Lernens gesehen und ist daher auch beim Kindergartenpersonal und Grundschullehrern Teil der Ausbildung.
Das Konzept der künstlerischen Grunderziehung beruht auf der Philosophie, dass alle Kinder die Möglichkeit haben sollen, Künstlern bei der Arbeit zuzusehen und selbst künstlerisch tätig zu werden. Die Grunderziehung in Kunst und Kultur soll allen Kindern vor allem die Möglichkeit zur Entwicklung ihrer Fähigkeiten zum Selbstausdruck in einer strukturierten Form geben.
So gibt es Bildungspläne zur kinderkulturellen Bildung, die vom Bildungsministerium erstellt werden. Das Bildungsministerium unterstützt auch deren Realisierung durch finanzielle Beihilfen.
Seit 2003 gibt es in Finnland ein kulturpolitisches Programm für Kinderkultur und ein landesweites Netzwerk der Kinderkulturzentren. Die Zentren arbeiten eng mit den Kindergärten und Schulen zusammen, sie erhalten u.a. Zuschüsse vom Bildungsministerium für die Entwicklung von Pilotprojekten.
Das Kunstzentrum Annantalo in Helsinki zum Beispiel ist ein Netzwerk der kulturellen Koordinatoren, es bietet eine homepage mit weiterführenden Kunst- und Kulturangeboten für Schüler und Lehrer und eigene Kunstkurse für Kinder. Ziel der Kunstkurse, so formuliert es Frau Linstedt, die Direktorin des Kunstzentrums Annantalo in Helsinki, ist es, die Kunst für die Schaffung von motivierenden Werkzeugen zur Erfahrung der Welt zu nutzen und Wissen aus Selbsterfahrung über die Schaffung von Kunst anzubieten.
Lehrer sind bei den Kursen, die von Künstlern gegeben werden, nicht erwünscht, sie arbeiten aber in den Schulen zusammen mit den Kindern und Künstlern, die die Schulen besuchen.
Für größere Schulkinder gibt es Gemeinschaftsprojekte von Schulen, Schulämtern, Gemeinden und Kulturbüros. Diese Kurse sind immer in den schulischen Lehrplan integriert. Die Kulturkurse beruhen auf der engen Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern, die Schülerinnen und Schüler besuchen Veranstaltungen und Aufführungen und erarbeiten zusammen mit Künstlern eigene Projekte.
Auch in Finnland sind die Pläne zur kulturellen Bildung noch frisch, nicht alles wird so gut angenommen wie erwünscht und Mädchen sind in vielen Feldern weit aktiver und interessierter als Jungs, aber im Gegensatz zu uns haben die Finnen ein verbindliches kulturelles Bildungsprogramm für Kinder von klein bis groß.
In Deutschland hängt der Zugang zur kulturellen Bildung noch immer nahezu ausschließlich von den Eltern oder von engagierten Lehrkräften ab, die sich über den Lehrplan hinaus um ihre Kinder kümmern.
Dabei bieten die neuen Ganztagsschulen hervorragende Möglichkeiten, auch bei uns die kulturelle Bildung zumindest im schulischen Bereich mehr im Schulalltag zu verankern.
Das Land Rheinland-Pfalz hat ganz aktuell Rahmenvereinbarungen mit Künstlern, Schriftstellern und Architekten geschlossen, die eine Zusammenarbeit von Ganztagsschulen mit den Künstlern ermöglichen. Die Ganztagsschulen, die sich daran beteiligen, können künftig in Kooperation mit Künstlern, Schriftstellern und Architekten Lesungen, Schreibwerkstätten, Angebote im Bereich Malerei und Bildhauerei sowie Projekte, die sich mit Planen und Konstruieren beschäftigen, anbieten. (Näheres unter www.ganztagsschule.rlp.de)
Qualitativ hochwertige Kinderbetreuung für Kindergartenkinder, deren praktische Umsetzung zurzeit auch konkret geplant wird, sollte ebenso das Konzept der kulturellen Bildung für alle Kindergartenkinder beinhalten. Wir befinden uns gerade im Um- und Aufbruch bei der Kinderbetreuung, diese Phase sollte für die Einbindung der kulturellen Bildung für alle Kinder im Kindergarten und in den Schulen genutzt werden. Rheinland-Pfalz macht vor, wie es gehen kann.






